Kleine Geschichte des Ortes Lichtwiese

Licht-Luftbad
Luftbild
Arbeiter

Die kleine Zeitschrift des Darmstädter Lauftreffs nennt sich seit jeher Die Lichtwiese nach dem Gebiet, wo sich die Jogger und Walker des Darmstädter LAUF-TREFF versammeln. Aber kennen Sie die Geschichte dieses Gebietes? Matthias Claudius (1740 1815) dichtete hier einst: Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen... Das war zu einer Zeit, als die Bessunger Bauern ihr Vieh zwischen Schnampelweg und der heutigen Nieder-Ramstädter Straße auf der Lichtwiese weiden ließen, denn hier gab es nur Grasland und das war für den Ackerbau ungeeignet. Der Name Lichtwiese könnte von einer Lichtung kommen, die man in den Wald geschlagen hatte. Eine andere Theorie besagt, dass er auf eine Stiftung von Lichtern oder Kerzen zurückgeht, die als Zins vom Pächter zu leisten waren. Nördlich der Lichtwiese, wo sich heute der Alte Friedhof befindet, schloss sich die Nachtweide an, die Weide für das Vieh bei Nacht. Die Bessunger trieben ihr Vieh dorthin über den Herdweg, der Weg für die Herde! Einst suchten die Darmstädter ein Gelände für einen Friedhof und die schlauen Bessunger verkauften ihnen dieses öde Gebiet. So entstand 1820 ein Friedhof, der allerdings wegen dem raschen Wachstum der Stadt ständig erweitert werden musste und später nicht mehr ausreichte. Dies ist der heutige Alte Friedhof.

Ein findiger Bauer versuchte um 1830 neben einer Kiesgrube den Sandboden der Lichtwiese mit Maulbeerbäumen aus Turin aufzubessern. Mit den Eiern der Seidenraupenspinner trieb er einen schwunghaften Handel. Etwa gleichzeitig wurde der Privilegierten Schützengesellschaft Darmstadt auf der Lichtwiese ein Gelände zur Verfügung gestellt. Dem Schießhaus mit den Schießanlagen wurde auch eine Restauration angegliedert, was sich zu einem beliebten Ausflugsziel der Bessunger entwickelte. Jedoch führte die unmittelbare Nähe von Friedhof und Schießanlage zwangsläufig zu Problemen, da die Schießübungen verständlicherweise die Beerdigungen beeinträchtigten. Ferner war trotz Kugelfang die Sicherheit der Spaziergänger gefährdet. Schießplatzgegner fürchteten zudem noch um die Sicherheit der 1870 gebauten Odenwaldbahn, die seit dem die Lichtwiese durchschneidet. Erst 1902 wurde die Schießanlage geschlossen.

Am Rande der Lichtwiese wurde bereits 1869 an der Nieder-Ramstädter Straße die Blödsinnigenanstalt errichtet, wie man das damals im Volksmund nannte. Die Nazis verlegten die Insassen nach Goddelau. Über das weitere Schicksal der Menschen kann man nur Vermutungen anstellen. Nach dem 2. Weltkrieg beherbergte das Gebäude lange Jahre das Polizeipräsidium.

Die neue Jugendbewegung und Lebensreform-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ Vereine entstehen, die sich die körperliche Ertüchtigung zum Ziel setzten und entsprechendes Gelände brauchten. Hier beginnt die eigentliche Entwicklung der Lichtwiese hin zur heutigen Nutzung. Der Sportklub 1905 legte als erster neben einem landwirtschaftlichen Betrieb einen Sportplatz an. Die Fußbälle landeten öfters im Garten des Bauern. Am Darmbach entstand ein Licht- und Luftbad mit Duschanlagen für Anhänger der Freikörperkultur, damals noch für Männlein und Weiblein getrennt.

Entlang der Nieder-Ramstädter Straße wurden in den 20er Jahren Sportplätze gebaut. Ein Golfclub hatte bereits entlang des Böllenfalltorweges bis zum Atzwinkelweg ein Übungsgelände unterhalten. Das jetzige Schrebergartengelände An den Golfplätzen zeigt die wahren Ursprünge auf. Ein Schlittschuhclub betrieb nebenan eine Kunsteisbahn und 25 Tennisplätze. Heute betätigt sich dort der TEC. Sportklub 1905 und Olympia 98 fusionierten zum Sportverein 1898 und weihten ihr Stadion 1921 mit einem Übungsfeld, einer Laufbahn und einer Holztribüne ein. Berühmt wurden vor dem 2. Weltkrieg die erfolgreichen Fußballer, Handballer und Leichtathleten. Genannt sei exemplarisch der Silber- und Bronzemedalliengewinner der Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam, Hermann Engelhard.

Zur gleichen Zeit entstanden neben dem 98er Stadion die Sportanlagen der TH Darmstadt. Ernst Söllinger machte sich hierbei besonders verdient mit der Durchführung der Studenten Olympiade im Hochschulstadion 1930. 1000 Teilnehmer aus 33 Ländern lockten unzählige Besucher in das moderne Stadiongelände.

1921 gründeten Studenten des Lehrstuhls für Luftfahrt die Akademische Fliegergruppe, die anfänglich Segelflieger, später Motorflugzeuge baute. Die Stadt überließ ihnen im Jahr 1924 die Lichtwiese als Flugplatz. Dort stand aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg eine Halle für Zeppeline und eine Fliegerstation. Die Gruppe baute das Gelände zu einem Flugplatz aus, der 1924 eingeweiht wurde. Bereits ein Jahr später wurde die Hessische Flugbetriebsgesellschaft gegründet, die den Ausbau des Darmstädter Flugplatzes zu einem internationalen Flughafen forderten. Es entstand eine Flughalle mit Nebenräumen und Tankanlage und 1926 wurde die Fluglinie Darmstadt-München eröffnet. Ferner gab es Anschlüsse nach Mannheim, Stuttgart, Konstanz und Zürich, kurz darauf Verbindungen nach Frankfurt, Hamburg, Köln und Dortmund. Ein Flugplatzrestaurant wurde ebenfalls hinzugefügt. Die eingerichtete Wetterflugstelle war vorbildlich für ganz Deutschland. 1928 konnte man von Darmstadt aus Paris, Prag, London und Budapest erreichen. Die Flugzeit nach München dauerte mit Zwischenlandungen gut 4 Stunden, während der Zug noch über acht Stunden benötigte. Diese Euphorie dauerte aber nur gut 10 Jahre, denn der Griesheimer Flugplatz erschien attraktiver, und die technische Entwicklung der Geräte ließ keine Erweiterung der Landebahn auf der Lichtwiese zu. Die Nazis setzten andere Prioritäten und bauten den Rhein-Main Flughafen in Frankfurt aus. Der Flughafen an der Lichtwiese wurde abgebaut. Die Flughalle aus Wellblech wurde als Rollschuhsporthalle weiter genutzt, ehe sie später an der Kasinostraße als Großmarkthalle diente. Im 2. Weltkrieg war auf der Lichtwiese ein militärischer Einsatzflugplatz in Betrieb, jedoch parallel zur Bahnlinie, dort wo heute die Kleingärten liegen. Dazu musste der Darmbach verrohrt werden, was am Vivarium heute noch zu erkennen ist. Das Vivarium wurde in den 60er Jahren hierher verlegt.

Der Sportbetrieb auf den genannten Sportgeländen blieb den Darmstädter Bürgern nach Beendigung des 2. Weltkrieges eine Zeit lang verwehrt, die Amerikaner beschlagnahmten die unzerstörten Anlagen der TH und der 98er. Das TEC Gelände war völlig zerstört und musste neu errichtet werden. Erst 1951 erfolgte eine teilweise Freigabe für den Spielbetrieb der 98er. Ihr Stadion erhielt eine Stehtribüne auf dem Darmstädter Trümmerschutt und eine kleine Betontribüne mit Duschen, welche 1952 eingeweiht wurde. Diese wurde erneuert und erweitert durch einen Neubau im Jahr 1972. Das TH Gelände wurde mit den neuen Sporthallen 1964 aufgewertet. Der ASC profitierte davon sportlich und baute dort auch sein Vereinsheim.

Nicht nur der Sport verkleinerte die Lichtwiese. So wurde das Gelände südlich der Heinrichstraße bebaut und an Stelle der alten Schießanlage und des Flugplatzes entstand 1960 der Neubau des im Kriege zerstörten alten Realgymnasiums, der jetzigen Georg Büchner-Schule.

Weitaus einschneidender war aber die Ausdehnung der TH auf das geruhsame Gelände der Lichtwiese. Zuerst entstanden Neubauten am Botanischen Garten, später u. a. die Gebäude der Architekten, der Ingenieure, der Chemiker. Dazu Straßen, ein Studentendorf, eine Mensa, mehrere Parkplätze. Ein Parkplatz dient unserem LAUF-TREFF als Heimat. Unsere Lichtwiese hat sich im Laufe der Jahrhunderte von einer Wiese zu einem kulturellen und sportlichen Zentrum entwickelt. Vergangen sind wohl die Momente, als ein Romantiker sich inspirieren lassen konnte zu den Zeilen: »Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar«. Vielleicht können Sie, geneigter Leser, wenn sie im Herbst vom Joggen oder Walken den Darmbach überqueren und durch die Eisenbahnunterführung laufen und dem Parkdeck entgegenstreben diese geschichtsträchtige Atmosphäre kurz nachempfinden. Achten Sie mal drauf. Manchmal ist Matthias Claudius immer noch zu spüren.

Vielen Dank für die freundliche Unterstützung an Dr. Immo Grimm.
Quelle: Walter Möbus: Bessunger Geschichten.

Letzte Änderung: 2007-04-08 (Mathias Halbach)